{"id":4,"date":"2004-10-13T12:00:35","date_gmt":"2004-10-13T10:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/markus.promny.de\/blog\/archives\/2004\/10\/13\/china_logbuch_part1-okober-2004"},"modified":"2008-03-27T08:39:48","modified_gmt":"2008-03-27T07:39:48","slug":"china_logbuch_part1-okober-2004","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/markus.promny.de\/blog\/archives\/2004\/10\/13\/china_logbuch_part1-okober-2004","title":{"rendered":"China Logbuch Part1- Okober 2004"},"content":{"rendered":"<p>Donnerstag, 7.10.2004<\/p>\n<p>Da sind wir also im Land der Mitte. begr\u00fc\u00dfen tut uns heftiger Smog, der sich erst am letzten Tag in Beijing aufl\u00f6sen wird. Bis dahin d\u00fcrfen wir die Schattenseiten des rasanten Wachstums am eigenen Leib erleben und husten nach ein paar Tagen genauso trocken wie Gro\u00dfstadt-Chinesen.<br \/>\nGenauso krank wie die Luft ist der Verkehr. Trotz U-Bahnbau mit Hochdruck (in 4 Jahren zu Olympia muss alles fertig sein&#8230;) l\u00e4uft (oder steht) der meiste Verkehr \u00fcberirdisch. Fahrradfahrer wuseln wie die Ameisen st\u00e4ndig und erstaunlich fl\u00fcssig in alle Richtungen. Dazu eine immer riesiger werdende Flotte Privat-Pkw und Taxen sowie Tausende Busse und O-Busse. Normalerweise habe ich kein Problem mit der Nutzung \u00f6ffentlicher Verkehrsmittel &#8211; aber beim Busnetz von Beijing gebe ich auf. Ein PC hat ein unkomplizierteres Leitungsnetz.<br \/>\nUnser Hotel ist ein Relikt aus der &#8222;guten alten Zeit&#8220;. HaoJuan Binguan steht mitten im Zentrum in einem der letzten hier erhaltenen Hutongs. Von uns als &#8222;Hood&#8220;-ong umgetauft ist er echt ne kleine, entspannte Neigborhood. Typisch f\u00fcr das alte Beijing waren die Hofh\u00e4user, nach allen Seiten umschlossen mit einem kleinen Flecken Privatgrund in der Mitte. Unser Hotel ist so ein Hofhaus. Im Hof beim Bier sitztend vergisst man sehr schnell, dass sich draussen 15 Millionen Menschen in st\u00e4ndiger Hektik durchs Leben k\u00e4mpfen. In unserem Viertel gibts ne Menge kleine Essbuden, Fris\u00f6re und ne Schule. Aber auch schon ein paar Hochhauskl\u00f6tzer, die sich vom Rand aus ins Viertel fressen und sicher bald alles kleinere verdr\u00e4ngt habe werden.<br \/>\nTrotz eines fast schlaflos Flugs bin ich von der ganzen Atmosph\u00e4re wie aufgekratzt und renne mit meinen Kollegen durch die Gegend &#8211; der Temple of Heaven ist Ziel unserer touristischen Erkuhndungen und wir lassen den Tag mit Essen im Hood-ong und einigen Bieren ausklingen.<\/p>\n<p>Freitag, 8.10.2004<\/p>\n<p>Keinen Jetlag vort\u00e4uschen &#8211; rein ins Programm! Vormittags sehen wir die verbotene Stadt. Sehr guter Eindruck davon, wie sich der Kaiser von China von seinen Untertanen hat huldigen lassen. Die armen Schweine haben ihm einen Palast bauen m\u00fcssen, der f\u00fcr sp\u00e4tere Machthaber echt Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt hat. So hat beispielweise &#8211; viel sp\u00e4ter, gleicher Ort &#8211; ein Herr Mao einen Platz nebst Ruhmeshalle und Mausoleum hinsetzen lassen, die ebenfalls beeindrucken sollen und auch tun.<br \/>\nDie erste st\u00e4dtebaulich \u00dcberraschung ist dann f\u00fcr mich, dass gleich hinter dem o.g. &#8222;Platz des himmlischen Friedens&#8220; (sehr makaberer Name aus historischer Sicht) ein buntes, chaotisches Viertel anf\u00e4ngt, das vor Leben, Essen, Gesch\u00e4ft und Stress nur so flimmert.<br \/>\nAbends haben wir einen Besuchstermin an der Beijing University mit Kollegen. Das Essen im VIP-Bereich der Mensa ist sehr gut die Stimmung eher freundlich reserviert.<br \/>\nAlso m\u00fcssen wir f\u00fcr etwas Leben noch woanders was trinken gehen. Die Sanlitun-Strasse ist ein bemerkenswertes Etwas zwischen kommunistischem Erbe und neu-kapitaslistischem Gesch\u00e4ftssinn. Da kann man ein Bier trinken, dass teurer ist als auf dem Oktoberfest (!) und nebenbei einer chinesischen Pop-Band zuh\u00f6ren oder auch DVD-Raubkopien von fliegenden H\u00e4ndlern erwerben &#8211; alles sch\u00f6n bewacht von Volksarmee-Uniformtr\u00e4gern vorm Fenster.<\/p>\n<p>Samstag, 9.10.2004<\/p>\n<p>Wieder steht eines der obligatorischen Beijing-Sightseeing-Highlights an: der Sommerpalast. Ehrlich gesagt hab ich schon genug von Thron-Hallen, geschwungenen D\u00e4chern mit Figuren und dem ganzen Zubeh\u00f6r. Jedoch muss ich anerkennen, dass die alten Chinesen auch hier wieder ganze Arbeit geleistet haben. Besonders &#8222;schick&#8220; ist eine Strasse (f\u00fcr irgendeine alte, nicht mehr reisefreudige Keisermutter erbaut) die das Flair einer kleinen Hafenstadt verspr\u00fcht. Disneyland k\u00f6nnte &#8212; nee, hat sich sicher ne Menge hier abgeschaut.<br \/>\nDann haben wir einen Termin an der Xinhua University mit Prof. W. Welch Gegensatz zu gestern! Ich f\u00fchle mich wirklich warm begr\u00fc\u00dft und willkommen. Wir sitzen in seinem B\u00fcro und schl\u00fcrfen superstarken Tee (zum wiederholten Mal heute &#8211; ich bin schon voll auf Teein). Echt stilvoll eingerichtet das Office &#8211; da kann sich fast jeder deutsche Prof was abschaun. Dann sehen wir das Wasserbaulabor. Den meisten Platz nehemn zwei \u00fcbereinander aufgebaute Modelle des Three Gorges Resevoirs ein. Jedes ist wohl 50 m lang. Das Modell mit beweglicher Sohle und simmuliertem Schwebstofftransport ist super aufw\u00e4ndig und wohl \u00fcberhaupt nur mit chinesischer Manpower zu betreiben. Alles echt beeindruckend und wohl eine gute Einstimmung auf das, was uns noch erwartet. Schlie\u00dflich zeigen die Chinesen noch, dass sie uns auch in Sachen Medientechnik ein paar Millionen Dollar voraus sind. Der LCD-Screen im Konferenzraum des Instituts w\u00fcrden sich auch auf einem Stadienkonzert gut machen.<br \/>\nAls die wichtigen Delegationsteilnehmer eine Besprechung mit W. beginnen, setzten sich Andreas und ich ab. Nat\u00fcrlich bekommen wir ein paar j\u00fcngere Angestellte und seinen Sohn als Begleitung zugewiesen, um<br \/>\nuns ein paar &#8222;scenic places&#8220; auf dem Campus anzuschaun. So sehr mir der gepflegte Campus mit dem beeindruckenden Fahrradverkehr auch gef\u00e4llt &#8211; ich habe eine bessere Idee: kaum draussen frage ich eine unserer Begleitungen, ob wir nicht ihr Wohnheim anschaun k\u00f6nnen. Sie ist nat\u00fcrlich geschockt von dieser Dreistigkeit, findet aber so schnell keine bessere Ausrede, als dass nicht aufger\u00e4umt w\u00e4re und au\u00dferdem alles sehr klein sein. Wir beschwichtigen sie damit, dass wir auch mal in Wohnheimen gelebt h\u00e4tten und versuchen den Staatsbesuchs-Status durch betonte Lockerheit loszuwerden. Sie ruft schlie\u00dflich ihre Mitbewohnerin an und gibt uns &#8211; ich bin \u00fcberrascht \u00fcber die Offenheit &#8211; zu verstehen, dass es noch ein paar &#8222;preparations&#8220; bedarf, wir aber nach einem kleinen Umweg ins Wohnheim k\u00f6nnen. Wowww&#8230; so ein Haus h\u00e4tte ich echt nicht erwartet! Das Heim ist eines mehr als 10 neuen auf dem Campus &#8211; gesch\u00e4tzte 30 Stockwerke. Beim Portier werden wir ordnungsgem\u00e4\u00df angemeldet, aber das ist bei allen Besuchen in diesem M\u00e4dchenwohnheim \u00fcblich. Das Zimmer ist vielleicht 6 Quatratmeter gro\u00df und sehr schlicht &#8211; aber frisch gewischt ;-). Wir schauen uns dezent um und machen Smalltalk bei Sonnenblumenkernen und unseren letzten mitgebrachten Riegeln und Barilla-Keksen.<br \/>\nAbends essen wir in einem tibetanischen Restaurant mit Ethnic Minority Cultural Show .(Ob es das vor ein paar Jahren hier auch schon gab?) Sehr, sehr lecker. Der Yakmilch-Tee erinnert mich prompt an die Mongolei und ich bekomme ein Ich-will-zur\u00fcck-in-die-Steppe-Gef\u00fchl&#8230;<\/p>\n<p>Sonntag, 10.10.2004<\/p>\n<p>Heute stehen wir mal wieder um 00:30 (okay: 6:30 Ortszeit) auf und machen uns auf zu einem der wichtigsten Besichtigungspunkte: die Gro\u00dfe Mauer. Ich hatte kurz \u00fcberlegt, zugunsten von ein wenig Schlaf und einem Bier mit den Hash House Harriers darauf zu verzichten, irgendwie konnte ich es dann aber nicht mit meinem touristischen Pflichtbewusstsein vereinbaren. Wenn man einmal ein Beijing ist, muss man die Gro\u00dfe Mauer sehen!<br \/>\nDie Stadt ist noch nicht so nah rangewachsen, dass man bequem mit der U-Bahn hinfahren k\u00f6nnte oder so. Also fahren wir zum Busbahnhof und zuckeln mit nem altersschwachen Ikarus Richtung Norden. Au\u00dferhalb der vierten (?) Ringstrasse d\u00fcrfen auch Lkw&#8217;s fahren, was dort prompt zum nahezu totalen Verkehrskollaps f\u00fchrt. Von der Endstation fahren wir mit einem nicht-so-offiziellen Taxi weiter bis zur Mauer. Der Fahrer ist echt cool: er bietet Musik an, ich lobe den CD-Player in seinem chinesischen Mittelklasse-Fabrikat. Er erkl\u00e4rt: &#8222;VCD&#8220; und ich denke, da muss er wohl ein paar Fachtermini durchenanderbringen. Aber: er klappt die rechte Sonnenblende runter und schon tanzen mir chinesische MTV-look Dancegirls auf nem beeindruckend gro\u00dfen LCD vor der Nase rum.<br \/>\nDer Ort, wo wir die Mauer besteigen, ist noch nicht touristisch erschlossen. Au\u00dfer ein paar Engl\u00e4nderinnen sind wir die einzigen an diesem Sonntag. Wir zahlen also ausgesprochen g\u00fcnstige 2 Yuan und laufen los. Nach ein paar hundert Metern zahlen wir nochmal 2 Yuan an ein paar Leute, die angeblich die Treppe dort gebaut haben und unterhalten. Okay, soll es halt sein. Dann werden wir nach wenigen Metern von einem kopfsch\u00fcttelnden Chinesen am weitergehen gehindert und von Mauer runter auf einen Feldweg geleitet &#8211; soll wohl hei\u00dfen, die Mauer sei hier nicht begehbar. Prompt zahlen wir dort &#8211; nun schon sehr widerwillig &#8211; die n\u00e4chsten 2 Yuan, da wir nun \u00fcber den Privatacker einer alten B\u00e4uerin m\u00fcssen. Etwa 50 Quatratmeter Gestr\u00fcpp und Steine &#8211; trotzdem d\u00fcrfe es sich um einen der ertragreichsten \u00c4cker in China handeln. Inzwischen sind wir sehr genervt von diesem neuen chinesischen Gesch\u00e4ftssinn und fragen uns, wieviele Wegelagerer uns wohl noch erwarten werden. Auserdem wollten wir ja eigentlich auf der Mauer laufen und nicht durch chinesische Felder stolpern. Und prompt steht dort, wo wir wieder an die Mauer kommen, der N\u00e4chste. Er hat aber ein ganz tolle \u00dcberraschung f\u00fcr uns parat: eine Leiter. Denn leider m\u00fcssen wir an dieser Stelle knapp 3 Meter rauf, um wieder auf die Mauer zu gelangen. Er bietet uns an, f\u00fcr sage und schreibe 25 Yuan seine &#8222;Leiter&#8220; (ein Stamm mit 4 draufgenagelten Brettst\u00fccken) daf\u00fcr zu benutzen. Jetzt hab ich echt die Schnauze voll! Da sich weit und breit keine andere Alternative bietet, sind wir also zu Verhandlungen gezwungen. Ich schreie den dreisten Kerl (die beleidigende Wirkung bewusst in Kauf nehmend) auf deutsch an, dass er sich f\u00fcr das Geld beim OBI &#8217;ne vern\u00fcnftige Aluleiter kaufen kann! Mutig ist der Typ ja. Ich bin fast drei K\u00f6fpe gr\u00f6\u00dfer als er und meine Kollegen sind auch nicht schm\u00e4chtig. Schlie\u00dflich einigen wir uns auf die \u00fcblichen 2 Yuan pro Person. Als wir dann endlich wieder auf der Mauer stehen, wird uns das ganze Ausma\u00df der Abzocke bewu\u00dft: der Kopfsch\u00fcttler steckt mit dem Leitermann unter einer Decke! Sie haben sich diese Umleitung ausgedacht und &#8211; zugegeben &#8211; sehr geschickt arrangiert. Nun schw\u00f6ren wir, uns garantiert nicht mehr auf Zahlungen einzulassen, komme wer wolle. Am n\u00e4chsten Turm steht eine Alte und will &#8211; na rate mal! &#8211; nur 2 Yuan f\u00fcrs T\u00fcr \u00f6ffnen. Ich drohe ihr nur kurz mit den Bullen, entschlie\u00dfe mich dann aufgrund eines Verst\u00e4ndigungsproblems zu einer anderen Methode. Mit sanftem Druck geht sie fast freiwillig beiseite und ihr bleibt nur noch, hinter uns her zu zetern.<br \/>\nAlles in Allem hat mir diese moderne Form der Wegelagerei einen guten Teil der Laune versaut. Andererseits bleibt der Tag dadurch auf jeden Fall unvergesslich. Und in Badaling, wo die Tourgruppen \u00fcber die Mauer getrieben werden, zahlt man schon mehr Eintritt, als wir an alle Wegelagerer zusammen abdr\u00fccken mussten.<br \/>\nAbends in Beijing wartet noch ein ganz besonderes Erlebnis auf uns. Silke W. hat Karten f\u00fcr eine Akrobatik-Show besorgt. Eine chinesische Artistentruppe &#8211; Durchschnittsalter gesch\u00e4tzte 12 Jahre &#8211; zeigt Kunstst\u00fccke, f\u00fcr die man eigentlich keine Knochen haben darf. Wahnsinn. 12 M\u00e4dels auf einem Fahrrad sind selbst in China kein allt\u00e4glicher Anblick.<\/p>\n<p>Montag, 11.10.2004<\/p>\n<p>Wer schon mal in China war, besonders wenn er wie ich etwas gr\u00f6\u00dfer als der Durchschnittsmensch ist, kennt das Problem: Einfach jeder starrt einen an, und mehr als oft genug h\u00f6rt man ein: &#8222;You so tall!&#8220;<br \/>\nIch habe beschlossen, offensiv damit umzugehen und mir gestern abend ein T-Shirt drucken lassen. Text (nat\u00fcrlich auf chinesisch): &#8222;Ich bin 2,03 m. Foto 5 Yuan.&#8220; Heute, auf unserer Zugfahrt nach Chengdu &#8211; drei\u00dfigeinhalb Stunden, Hardsleeper &#8211; zieh ich es das erste Mal an. Der Effekt ist positiv. Statt mich anzustarren, sind die mir begegnenden Chinesen erst einmal mit lesen besch\u00e4ftigt. Danach sieht man die K\u00f6pfe arbeiten, ob das nun ernst gemeint ist oder was. Auf der Fahrt entwickeln sich daraus ein paar lustige Gespr\u00e4che und im Nu habe ich den ersten Gesch\u00e4ftsabschluss get\u00e4tigt. Foto gegen ein chinesisches Abendessen. Wert 10 Yuan. Toll, oder? Damit ist das T-Shirt auf gutem Weg, seine Investitition zu amortisieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donnerstag, 7.10.2004 Da sind wir also im Land der Mitte. begr\u00fc\u00dfen tut uns heftiger Smog, der sich erst am letzten Tag in Beijing aufl\u00f6sen wird. 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